- Artikel-Nr.: CP1356
EAN: 4251329500832
Mariana Sadovska:
Im Januar 2022 begann ich gemeinsam mit meinen VESNA-Kollegen Christian Thomé und Markus Braun an einem neuen Projekt zu arbeiten. Wir tauschten Ideen aus, improvisierten und experimentierten mit Klängen und Rhythmen, mit Texturen und Melodien.
Und dann kam der 24. Februar 2022 …
Russland begann eine großangelegte Invasion in der Ukraine – meinem Heimatland.
Ich war wie erstarrt. Der Schock saß tief. Wie sollten wir jetzt weiter Musik machen – und warum überhaupt?
Meine dringendste Frage aber war: Wie kann ich meinem Volk helfen zu überleben? Während einige meiner Familienmitglieder und Freunde sich den Verteidigungskräften in der Ukraine anschlossen, wurde ich in Deutschland zur Aktivistin. Gemeinsam mit Künstlerkolleg:innen sammelten wir Spenden, unterstützten Geflüchtete, organisierten humanitäre Hilfe für die Ukraine – und lernten dabei mehr über kugelsichere Westen, Nachtsichtgeräte und Drohnenkomponenten, als ich es mir je hätte vorstellen können.
Nach drei Monaten ununterbrochener Aktivität und permanenter Sorge um meine Liebsten in der Ukraine war ich erschöpft und verzweifelt. Ich wusste nicht mehr, woher ich die Kraft nehmen sollte weiterzumachen.
Dann begegnete mir ein Gedicht der ukrainischen Dichterin Olena Teliha, das mich wie ein Segen berührte. Teliha war 34 Jahre alt, als sie während des Zweiten Weltkriegs von deutschen Nationalsozialisten ermordet wurde. Eines ihrer Gedichte trägt eine kraftvolle Botschaft:
„Geh weiter! Halte durch! Vertraue darauf, dass noch etwas wirklich Schönes auf dich wartet!
DU SOLLST LEBEN!“
In meinen Konzerten spreche ich oft über die Kraft archaischer Ritualgesänge. Auf zahlreichen Forschungsreisen in ukrainische Dörfer habe ich gelernt, dass Gesang eine schützende und heilende Wirkung entfalten kann. Bestimmte Lieder wirken wie ein Talisman – auf Ukrainisch nennen wir das „Oberih“. Sie können uns den Weg weisen und uns die Stärke geben, selbst schwierigste Zeiten zu überstehen.
Zum ersten Mal spürte ich diese Kraft nun in moderner Poesie. Telihas Worte legten sich wie ein schützender Ring um mich. Ich brachte ihre Texte in einen Dialog mit einem traditionellen Lied über eine Nachtigall, das fragt: „Nachtigall, warum singst du nicht mehr?“
Für mich wurde diese Komposition zu einem Manifest und zu einem Aufruf zum Handeln:
DU SOLLST LEBEN.
Mariana Sadovska, Christian Thome, Matthias Kurth, Markus Braun
Mariana Sadovska: In January 2022, I began working on a new project with my VESNA colleagues Christian Thomé and Markus Braun. We exchanged ideas, improvised, and explored new sound worlds — rhythms, textures, and melodies rooted in tradition yet open to experimentation. Then, on February 24, 2022, Russia launched its full-scale invasion of Ukraine — my home country. Everything changed. For a long moment, music felt irrelevant. How could we continue creating while war was unfolding at home? Yet the deeper question was how I could help my people survive. While members of my family and friends joined the defence forces in Ukraine, I became an activist in Germany. Together with fellow artists, we organized fundraisers, supported refugees, coordinated humanitarian aid, and suddenly found ourselves learning about bulletproof vests, night-vision devices, and drone equipment. After months of constant activity and worry, I was exhausted. I didn’t know how to go on. Then I encountered a poem by the Ukrainian poet Olena Teliha. She was 34 years old when she was executed by the Nazis during World War II. One of her poems carried a message that felt like a blessing: “Move on. Hold on. Trust that something truly beautiful is still waiting for you. You should live.” In my concerts, I often speak about the ancient ritual power of Ukrainian village singing. During research expeditions, I learned that certain songs are believed to protect and heal. In Ukrainian, we call such a protective charm an “Oberih.” These songs act like talismans, guiding us through the darkest times. For the first time, I felt this same protective force in modern poetry. Teliha’s words formed a circle of strength around me. I placed her text in dialogue with a traditional song about a nightingale asking, “Why don’t you sing anymore?” This composition became both a manifesto and a call to action. You should live. Mariana Sadovska, Christian Thome, Matthias Kurth, Markus Braun